Der Semah

„Semah“ bedeutet, wörtlich übersetzt, Himmel/Himmelsgewölbe. Der oder das Semah – auch „Tanz der Kraniche“ genannt – gehört zu den Hauptbestandteilen der alevitischen Lehre und ist eine besondere Form des gemeinschaftlichen Gebetes, das im Allgemeinen während der Cem-Zeremonie durchgeführt wird.

Nach dem Rhythmus der Bağlama (Langhalslaute) drehen sich Frauen, Männer und auch Kinder gemeinsam im Kreis, vergleichbar mit dem Kreisen der Planeten um die Sonne. Sie drehen sich sowohl gemeinsam im Kreis als auch um die eigene Achse. Sie wechseln zwischen langsamen und schnellen Schritten, sowie zwischen kreisförmigen und zum Mittelpunkt ausgerichteten Bewegungen. Die Handinnenfläche der rechten Hand zeigt nach oben und die linke Handinnenfläche zum Boden. Oder – wie die Kinder im alevitischen Religionsunterricht es vormachen - die eine Handinnenfläche wird jeweils wie ein Spiegel vor das Gesicht gehalten, die andere auf die Brust. So werden die Bewegung der Erde und auch die ständige Bewegung der Natur dargestellt, der Blick in die Handinnenfläche symbolisiert die Selbst- erkenntnis im Spiegel und die Hand auf der Brust den engen Kontakt zu Gott und der Wahrheit. Zudem werden u. a. durch die Bewegungen auch Vögel, insbesondere der Kranich, nachgeahmt. (Der Kranich ist im Alevitentum ein heiliges Tier und steht für die Treue von Mann und Frau und auch für gute Botschaften.)


 
Einige Semahs werden nach ihren Herkunftsorten bezeichnet (Sivas-Erzincan Semahı, Tokat- Turhal Semahı, Hubyar Semahı, Fetihye Semahı), andere wiederum tragen den Namen alevitischer Heiligtümer oder Persönlichkeiten (Turna Semahı, Yahızır Semahı, Kırklar Semahı, Has Nenni Semahı).
Traditionelle Kleidung wird beim Semah nur zu besonderen Anlässen getragen. Es gehört zum Charakter des Semah, dass er normalerweise in Alltagskleidung durchgeführt wird. So kann jeder und jede teilnehmen. Im Cem sind alle Menschen nur noch Seele, Äußerlichkeiten
spielen keine Rolle. Es geht im Semah um das Einswerden mit Gott und der Natur. Der Semah bedeutet zugleich Liebe, Ge- schwisterlichkeit und Verbund- enheit mit Erde und Natur. Durch den Tanz wird eine Brücke aus Liebe zwischen Luft und Erde sowie zwischen Gott und Mensch gebaut.

(Rechte bei AABF)
»Das gesamte Universum spiegelt sich im Semah Da aus der Liebe die Sonne scheint
Die Wahrheit überlistet die Unwahrheit Wir können uns nicht mit fünf Gebeten ablenken« (traditioneller Gesang)